Loslassen braucht Orientierung

von Birgit Miehe – 14. September 2026

Zwei Reaktionen auf einen kreativen Erfahrungsraum

Wenn ich in meinem Bekanntenkreis von meinen kreativen Erfahrungsräumen erzähle, begegnen mir meistens zwei ziemlich unterschiedliche Reaktionen. Die einen sagen sofort:

„Oh, das klingt toll. Da hätte ich richtig Lust drauf.“

Die anderen reagieren beinahe ebenso schnell mit: „Ich bin nicht kreativ.“ Oder: „Ich kann nicht malen.“

Dazwischen scheint es erstaunlich wenig zu geben.

Gerade die zweite Reaktion finde ich spannend, weil in ihr bereits sehr viel von dem sichtbar wird, was Menschen später mit in einen kreativen Raum bringen. Kreativität wird unmittelbar mit Malen oder künstlerischem Gestalten verbunden. Gleichzeitig steht unausgesprochen die Frage im Raum, ob das, was dabei entsteht, gut genug sein wird.

Dahinter liegen häufig frühere Erfahrungen, Vergleiche und ziemlich feste Vorstellungen davon, was ein gelungenes Bild ausmacht und woran sich erkennen lässt, ob jemand etwas „kann“. Aber auch diejenigen, die sich auf einen kreativen Erfahrungsraum freuen, betreten ihn nicht vollkommen frei von solchen Vorstellungen. Lust und Neugier können da sein und gleichzeitig der Wunsch, etwas Schönes zu erschaffen. Auch hier können Vergleich, Bewertung oder der eigene Perfektionsanspruch sehr schnell wieder auftauchen.

Die beiden Reaktionen sind deshalb weniger gegensätzlich, als sie zunächst wirken.

Die einen sprechen ihre Unsicherheit direkt aus. Bei den anderen zeigt sie sich möglicherweise erst in dem Moment, in dem das erste leere Blatt vor ihnen liegt. Wenn Menschen wieder stärker dem eigenen Impuls folgen sollen, braucht es deshalb mehr als die Aufforderung: „Schalte den Kopf aus und mach einfach.“ Loslassen lässt sich nicht anordnen. Es braucht Voraussetzungen und es braucht gleichzeitig Orientierung.

Offenheit ist nicht Orientierungslosigkeit

Bei kreativen Angeboten entsteht schnell die Vorstellung, ein Raum werde umso freier, je weniger vorgegeben wird. Das kann funktionieren. Manche Menschen erleben eine vollkommen offene Aufgabe als Einladung. Sie greifen zum Material, beginnen und folgen dem, was sich entwickelt.

Andere stehen vor derselben Offenheit und erleben vor allem Unsicherheit. Wenn alles möglich ist, fehlt ihnen zunächst der Punkt, an dem sie anfangen können. Statt Freiheit entsteht das Gefühl, etwas leisten zu müssen, ohne zu wissen, woran sie sich orientieren dürfen.

Ein offener Raum braucht deshalb Orientierung. Orientierung legt nicht fest, was am Ende entstehen soll. Sie hilft einem Menschen zu verstehen, wo er sich gerade befindet, worauf er seine Aufmerksamkeit richten kann und welcher nächste Schritt möglich ist. Damit wird der Raum nicht enger. Er wird überhaupt erst betretbar.

Führung und Orientierung sind nicht dasselbe

In meinen Zwischenräumen nehme ich mir viel Zeit für die Hinführung. Die Teilnehmenden kommen zunächst im Raum und bei sich selbst an. Sie dürfen die Anspannung des Alltags ein Stück weit loslassen und sich schrittweise wieder dem eigenen Impuls nähern.

Dabei begleite ich am Anfang noch relativ eng und kleinschrittig. Diese Führung dient nicht dazu, ein bestimmtes Ergebnis herzustellen. Sie schafft einen Rahmen, in dem die Teilnehmenden sich sicher genug fühlen können, um etwas Eigenes entstehen zu lassen. Nach und nach kann meine Führung leiser werden.

Die Orientierung bleibt.

Sie kann in einer sprachlichen Rahmung liegen, in einem klaren Übergang, in der inneren Bewegung des Raumes oder in dem Wissen, dass auch ein Zögern, Innehalten oder Abweichen erlaubt ist. Führung beschreibt für mich deshalb, wie stark ich einen Prozess an einer bestimmten Stelle begleite. Orientierung sorgt dafür, dass die Teilnehmenden auch dann noch wissen, wo sie sich befinden und worauf sie sich einlassen können, wenn ich mich zunehmend zurücknehme.

Was mir erst nach mehreren Zwischenräumen aufgefallen ist

Nach sechs gehaltenen Zwischenräumen wurde mir etwas bewusst, das ich zu Beginn noch gar nicht ausdrücklich geplant hatte: Nicht nur jeder einzelne Raum besitzt eine innere Dramaturgie. Auch die Räume selbst bauen thematisch und in ihrer inneren Bewegung aufeinander auf.

Zu Beginn brauchte es mehr sprachliche Rahmung und wiederholte Erlaubnis. Die Teilnehmenden wurden enger begleitet. Raum für Raum konnte diese Führung leiser werden. Jeder Zwischenraum funktioniert dabei für sich. In der Reihe entwickelt sich jedoch noch einmal eine andere Tiefe. Die Teilnehmenden begegnen nicht jedes Mal vollkommen neu der Frage, ob sie ihrem eigenen Impuls vertrauen dürfen. Sie bringen Erfahrungen aus den vorherigen Räumen mit. Etwas, das zunächst ungewohnt war, kann vertrauter werden. Die Orientierung muss deshalb nicht verschwinden, aber die Art der Führung kann sich verändern.

Diese Entwicklung war für mich eine wichtige Erkenntnis. Ein Raum ist nicht einfach fertig gebaut, weil sein Ablauf auf dem Papier steht. Manche Zusammenhänge werden erst sichtbar, wenn ich ihn tatsächlich halte, beobachte und anschließend weiterdenke.

Dieselbe Grundarchitektur – drei verschiedene Räume

Der Zwischenraum findet im Moment live und online statt. Gleichzeitig plane ich eine Reihe von Tagesworkshops vor Ort und entwickle einzelne Räume so weiter, dass sie auch ausschließlich über ein Audio getragen werden können. In allen drei Varianten bleibt die Grundarchitektur erhalten. Die Menschen sollen zunächst ankommen, Orientierung bekommen und sich schrittweise dem eigenen Impuls nähern können. Wie ich sie auf diesem Weg begleite, hängt jedoch davon ab, welche Form von Resonanz das jeweilige Format ermöglicht.

In einem Präsenzraum nehme ich sehr unmittelbar wahr, was geschieht. Ich sehe, wo jemand zögert, ob eine Gruppe mehr Zeit braucht oder ob ich meine Führung an einer bestimmten Stelle verändern muss. Vieles lässt sich über die direkte Resonanz im Raum erfassen und situativ auffangen.

Auch in einem live gehaltenen Onlineraum entsteht Resonanz. Sie erreicht mich jedoch anders. Ich sehe weniger, nehme manche Reaktionen zeitversetzt wahr und muss stärker vorausdenken, was die Teilnehmenden brauchen könnten, damit sie auch vor ihren eigenen Bildschirmen in einen gemeinsamen Prozess finden.

Im reinen Audioformat fällt die unmittelbare Rückmeldung schließlich vollständig weg. Der Raum und die begleitende Stimme müssen auch dann tragen, wenn ich weder sehen noch hören kann, was bei einem Menschen gerade geschieht. Ich kann dann nicht spontan aufgreifen, was sich zeigt, mehr Zeit geben oder an einer schwierigen Stelle anders begleiten. Deshalb muss ich vorher umso genauer überlegen, welche Orientierung notwendig ist, wie die Übergänge gestaltet werden und wann meine Stimme zurücktreten kann, damit die eigene Wahrnehmung den Raum weiterführt.

Genau das erprobe ich derzeit mit den Audio-Zwischenräumen: wie sich eine bereits entwickelte Grundarchitektur in ein Format übersetzen lässt, das ohne meine unmittelbare Reaktion auskommen muss.

Die Grundarchitektur bleibt in allen drei Formaten dieselbe. Aber ich kann die Art der Führung nicht einfach von einem Raum in den nächsten übertragen. Je weniger unmittelbare Resonanz möglich ist, desto genauer muss ich vorausdenken, was die Menschen an welcher Stelle brauchen.

Freiheit entsteht durch eine passende Form von Führung

Die Auseinandersetzung mit dem Zwischenraum zeigt mir etwas, das weit über kreative Formate hinausgeht.

Ein offener Prozess braucht weder eine lückenlose Anleitung noch vollständige Zurückhaltung. Er braucht eine Führung, die wahrnimmt, was an welcher Stelle notwendig ist.

Manchmal bedeutet das, einen Schritt klar zu rahmen. Manchmal braucht es eine wiederholte Erlaubnis. An anderer Stelle besteht gute Führung gerade darin, leiser zu werden und nicht sofort wieder einzugreifen. Die Orientierung darf dabei nicht verloren gehen.

Ein Raum wird nicht dadurch frei, dass ich möglichst wenig führe. Er wird frei, wenn ich weiß, wo Führung gebraucht wird, wann ich sie zurücknehmen kann und wie die Orientierung trotzdem erhalten bleibt.


Du möchtest den Zwischenraum selbst erleben?

Der Zwischenraum findet derzeit als kostenloses Erprobungsformat statt.

Über den folgenden Link findest du alle Informationen zum Format und kannst dich für einen der nächsten Termine anmelden:

Nach deiner Anmeldung erhältst du außerdem Zugang zur begleitenden Telegram-Gruppe. Dort findest du die Audio-Zwischenräume, die du unabhängig von den gemeinsamen Terminen für dich nutzen kannst.

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