Als ich vor einiger Zeit eine einjährige Ausbildung buchte, hatte ich eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, was mich dort erwarten würde.
Im vorherigen Webinar war von kleinen Gruppen mit jeweils zwölf Menschen die Rede gewesen. Während ich zuhörte, entstand bei mir das Bild, ein Jahr lang gemeinsam mit elf anderen Teilnehmenden von dem Ausbilder begleitet zu werden. Ich weiß heute nicht mehr, ob das an irgendeiner Stelle tatsächlich so gesagt wurde. Trotzdem war diese Vorstellung da.
Dass mehrere Hundert Menschen an der Ausbildung teilnehmen würden, konnte ich mir in diesem Moment überhaupt nicht vorstellen.
Später stellte sich heraus, dass es nicht nur mir so gegangen war. Auch andere Teilnehmende hatten mit einer deutlich kleineren Gruppe gerechnet. Einige waren enttäuscht, weil sie in den gemeinsamen Calls kaum zu Wort kamen und die persönliche Begleitung vermissten, die sie erwartet hatten.
Das Format war für alle dasselbe. Die Vorstellungen, mit denen wir es betreten hatten, offenbar nicht.
Diese Erfahrung ist mir im Gedächtnis geblieben. Mir wurde bewusst, wie schnell beim Zuhören ein inneres Bild entstehen kann. Ich hatte die vorhandenen Informationen mit meinen eigenen Erfahrungen und Annahmen verbunden und daraus eine Vorstellung entwickelt, die sich für mich vollkommen selbstverständlich anfühlte.
Ähnliches begegnet mir seitdem immer wieder. Nach einem Trommelworkshop, den ich besucht hatte, erzählte eine Teilnehmerin, sie habe mit einem wesentlich größeren Raum gerechnet. In ihrer Vorstellung hätte es dort die Möglichkeit gegeben, sich zwischendurch etwas zurückzuziehen. Der tatsächliche Raum bot diese Möglichkeit nicht, und so wurde die Lautstärke für sie zu einem entscheidenden Teil ihres Erlebens.
Wie groß der Raum tatsächlich sein würde, war vorher nicht kommuniziert worden. Das war eine Leerstelle geblieben, die sich mit einer eigenen Vorstellung gefüllt hatte.
Wann beginnt ein Workshop oder eine Fortbildung eigentlich? Mit der Begrüßung? Mit der ersten Übung? Vielleicht schon beim Öffnen der Tür?
Inzwischen würde ich den Beginn deutlich früher ansetzen: in dem Moment, in dem ein Mensch zum ersten Mal von einem Angebot hört und beginnt, sich vorzustellen, was ihn dort erwartet.
Diese Vorstellung entwickelt sich aus den Informationen, die wir geben, aus den Begriffen, die wir verwenden, und aus den eigenen Erfahrungen, die unser Gegenüber mitbringt. Auch fehlende Informationen werden dabei wirksam, weil offene Stellen selten einfach offen bleiben. Wir füllen sie häufig, ohne es überhaupt zu bemerken.
Damit wird die Kommunikation vor einem Workshop bereits zu einem Teil des Workshops.
Manche dieser Bilder entstehen durch das, was offenbleibt. Andere werden in der Kommunikation sehr bewusst erzeugt.
Wenn aus einer möglichen Entwicklung ein Versprechen wird
In der Kommunikation von Workshops, Coachings und Fortbildungen begegnet mir immer wieder das Versprechen von Transformation.
Bei diesem Wort gehen bei mir inzwischen alle Lampen an.
Transformation beschreibt eine tiefgreifende Veränderung. Wer sie in Aussicht stellt, erzeugt damit ein sehr großes Zukunftsbild. Menschen erwarten mehr als einen neuen Gedanken, eine einzelne Erfahrung oder einen ersten Impuls. Sie verbinden mit diesem Begriff möglicherweise die Hoffnung, den angebotenen Prozess als veränderter Mensch zu verlassen.
Genau hier beginnt für mich die Schwierigkeit.
Wenn ich einen Workshop gestalte, kann ich sehr viel dafür tun, dass Entwicklung möglich wird. Ich kann mein Ziel klären, die Übungen sorgfältig auswählen, passende Erfahrungen ermöglichen und aufmerksam auf das reagieren, was innerhalb einer Gruppe geschieht. Ich kann Übergänge gestalten und den Teilnehmenden dabei helfen, ihre Erkenntnisse mit ihrem Alltag zu verbinden.
Wie ein Mensch diesen Raum nutzt, hängt zugleich von vielen weiteren Bedingungen ab. Erfahrungen, aktuelle Lebenssituation, Bereitschaft, innere Widerstände, vorhandene Ressourcen und der richtige Zeitpunkt beeinflussen, was während eines Workshops geschieht und was anschließend weiterwirkt.
Ich kann also Bedingungen für Veränderung gestalten. Was daraus tatsächlich entsteht, entwickelt sich im Zusammenspiel all dieser Bedingungen. Vollständig kontrollieren kann ich es nicht.
Gleichzeitig begegnet mir im Marketing häufig die Empfehlung, potenziellen Teilnehmenden ihre Zukunft nach dem Angebot möglichst anschaulich auszumalen: Wie werden sie sich fühlen? Was werden sie können? Wie wird ihr Alltag aussehen? Wer werden sie anschließend sein?
Ich verstehe den Gedanken dahinter. Menschen möchten erfahren, wohin ein Angebot führen kann und weshalb es für sie relevant sein könnte. Ein konkretes Zukunftsbild kann Orientierung geben und eine Möglichkeit sichtbar machen, die vorher kaum greifbar war.
Eine solche Zukunft braucht allerdings eine tragfähige Grundlage. Bevor ich sie sprachlich ausmale, muss ich selbst sehr genau wissen, worauf mein Angebot ausgerichtet ist. Was kann in diesem Workshop tatsächlich entstehen? Welche Bedingungen stelle ich dafür bereit? Welcher zeitliche Rahmen steht zur Verfügung? Und welchen Teil der beschriebenen Entwicklung kann ich überhaupt beeinflussen?
Je größer das gezeichnete Zukunftsbild ausfällt, desto sorgfältiger muss ich prüfen, ob mein Angebot dieses Bild tragen kann.
Meiner Ansicht nach beginnt ein Workshop lange vor der ersten Begrüßung.
Er beginnt mit einem Flyer, einer Website oder einem Satz in einem Gespräch. Dort entsteht eine erste Vorstellung davon, wie dieser Raum aussehen könnte und was in ihm möglich wird.
Mit dieser Vorstellung kommen Menschen später zu uns.
Und sie wird zu einem Teil dessen, was sie erleben.
Birgit Miehe
