Warum das Problem nicht dein Denken ist, sondern dass es nicht fertig wird

Warum das Problem nicht dein Denken ist, sondern dass es nicht fertig wird

Eine Annäherung an offene Denkprozesse und innere Unruhe

Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch, das mich danach noch länger beschäftigt hat. Es ging um die Frage, ob Wahrnehmung eigentlich schon Denken ist. Die eine Perspektive war eher wissenschaftlich geprägt: Denken als bewusste kognitive Aktivität. Etwas, das gezielt gesteuert, beobachtet oder sogar beruhigt werden kann.

Meine Perspektive war eine andere.

Für mich beginnt Denken nicht erst dort, wo ich es bewusst wahrnehme. Sondern deutlich früher. In dem Moment, in dem etwas meine Aufmerksamkeit berührt. Wenn etwas in mir andockt. Wenn mein System beginnt, Eindrücke einzuordnen, Verbindungen herzustellen oder Muster zu erkennen. Oft lange bevor daraus Worte werden.

Wir waren uns in dieser Frage nicht einig.

Interessanterweise war das am Ende aber gar nicht der Punkt, der mich beschäftigt hat. Viel spannender fand ich eine andere Frage:

Was passiert eigentlich mit all den Dingen, die wir wahrnehmen, andenken und beginnen zu verstehen – aber nie wirklich zu Ende führen?

Dieses Gefühl kennen viele. Der Kopf ist einfach voll. Da sind Gedanken, Ideen, Beobachtungen und offene Fragen. Manches fühlt sich wichtig an. Und einiges scheint irgendwie miteinander zusammenzuhängen. Und trotzdem bleibt oft das Gefühl zurück, dass nichts wirklich greifbar wird. Daraus entsteht schnell der Wunsch nach Ruhe. Einfach einmal abschalten und nicht mehr nachdenken müssen.

Pause im Kopf.

Das kann kurzfristig sehr entlastend sein. Die eigentliche Frage beginnt für mich allerdings danach. Denn sobald der Alltag wieder einsetzt, tauchen viele dieser Gedanken erneut auf. Oft sogar erstaunlich unverändert.

Genau an diesem Punkt hat sich meine Sicht in den letzten Jahren verändert. Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass Denken an sich das Problem ist.

Ich frage mich vielmehr, ob viele Denkprozesse einfach offen bleiben. Ob Wahrnehmungen nicht weiterverarbeitet werden. Oder vielleicht Erfahrungen nicht eingeordnet werden. Ob Verbindungen entstehen, ohne dass daraus Bedeutung wird.

Dann bleibt vieles in Bewegung. Aber wenig kommt wirklich an.

Besonders deutlich beobachte ich das bei Menschen, die stark verknüpfend, intuitiv oder assoziativ denken. Sie erkennen schnell Zusammenhänge und sehen ziemlich viele Möglichkeiten. Daraus stellen sie Verbindungen her, auf die andere oft gar nicht kommen würden.

Das ist eine enorme Stärke.

Gleichzeitig bringt genau diese Stärke eine Herausforderung mit sich. Wo viele Verbindungen entstehen, entstehen oft auch viele offene Schleifen. Ein Gedanke führt zum nächsten. Eine Idee öffnet weitere Möglichkeiten. Eine Beobachtung wirft neue Fragen auf. Das Denken bleibt in Bewegung. Und genau das kann irgendwann anstrengend werden.

Vielleicht entsteht Überforderung deshalb gar nicht immer durch die Menge der Gedanken. Vielleicht entsteht sie dort, wo zu viele Prozesse offen bleiben. Wo vieles angestoßen wird, aber wenig wirklich verarbeitet wird.

Das würde zumindest erklären, warum Menschen trotz hoher geistiger Aktivität oft nicht das Gefühl von Klarheit haben, sondern von Unruhe.

Für mich hat sich daraus eine wichtige Verschiebung ergeben. Ich versuche heute nicht mehr, weniger zu denken. Mich interessiert vielmehr, wie Denk- und Erfahrungsprozesse bewusster gestaltet werden können.

Was nehme ich eigentlich wahr?

Welche Verbindung entsteht daraus?

Warum beschäftigt mich etwas?

Und wann wird aus einer Beobachtung etwas Eigenes?

Eine Erkenntnis oder auch einfach eine Entscheidung. Oder ein Gedanke, der endlich seinen Platz gefunden hat. Vielleicht liegt genau dort ein Teil der Entlastung.

Denn dann geht es gar nicht darum, weniger wahrzunehmen oder weniger zu denken. Vielmehr geht es um das Verarbeiten von Erfahrungen, Gedanken und Erkenntnissen und wie daraus Bedeutung entstehen kann. Denn Entwicklung entsteht nicht automatisch dort, wo wir etwas verstanden haben.

Sie entsteht dort, wo etwas Teil unserer eigenen Wirklichkeit wird.

Autorin: Birgit Miehe

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