Letztens sagte mir eine Bekannte, dass die Menschen alle zu viel denken und zu wenig bei sich selbst sind.
Über diesen Satz musste ich nachdenken. Denn er klingt zwar plausibel, ist aber zu kurz gegriffen. Das Problem liegt nicht in der Menge der Gedanken, sondern in der Unterscheidung. Was passiert eigentlich beim Denken? Wahrnehmung, Gefühl, Gedanke und Bewertung der Situation laufen gleichzeitig. Wir erleben das als „Ich denke gerade“.
Doch was ist, wenn für diese unterschiedlichen Aspekte wie Wahrnehmung, Gefühl, Gedanke und Bewertung der Situation keine klare Trennung erfolgen kann? Wenn die Sprache dafür fehlt, differenziert auszudrücken, was was ist?
Ohne Differenzierung bleibt es diffus. Und mehr fühlen allein führt nicht automatisch zu mehr Klarheit. Die entsteht, wenn ich unterscheiden kann: Was nehme ich wahr? Was fühle ich? Was denke ich? Was bewerte ich? Erst diese Unterscheidung macht Erkenntnis möglich. Und erst diese Erkenntnis macht Handlungsfähigkeit möglich. Denn Handlungsfähigkeit setzt voraus, dass ich mir dieser Prozesse bewusst bin und auf Basis dieser bewusst eine Handlung ableite.
Wirklich bei sich zu sein bedeutet also nicht, weniger zu denken. Es bedeutet, bewusster zu unterscheiden. Was folgt jetzt aus dieser Erkenntnis? Es braucht Wege, um sich seiner eigenen Gedanken bewusst zu werden, diese einzuordnen und in Sprache zu übersetzen. Dabei kann eine Sichtbarmachung der eigenen Gedanken- und Gefühlswelt helfen. Und ja, das ist anstrengend – das höre ich oft von meinen Schülern. Diese Differenzierung braucht Zeit und Sprache. Aber diese Fähigkeit trägt auch – weit über Schule hinaus.
