Im Zeugnisgespräch mit der Fachlehrkraft meiner Tochter sprachen wir darüber, wie sich dort im Unterricht die Kinder Inhalte gegenseitig erklären. Wir waren uns schnell einig, dass in einem solchen Setting am meisten derjenige profitiert, der erklärt.
Warum das so ist?
Beim Erklären müssen die Gedanken und Erkenntnisse in Worte gefasst werden. Die Reihenfolge muss stimmen, der Inhalt wird erneut sprachlich logisch durchdrungen. Dadurch wird die Erkenntnis vertieft und gefestigt. Das ist lernpsychologisch bekannt und belegt. Und genau das ist der Grund, weshalb Lehrkräfte so gern auf dieses Lernarrangement zurückgreifen.
Während einer Unterrichtsstunde, als ich gerade erklärte, kam mir dann plötzlich ein Gedanke.
Wenn das alles stimmt – was passiert dann eigentlich, wenn ich als Lehrkraft erkläre? Wer macht in diesem Moment die Denkbewegung? Wer fasst Gedanken in Worte, strukturiert, ordnet, verbindet?
Ich.
Und das ist, wenn ich es konsequent zu Ende denke, eigentlich absurd. Denn die Denkbewegung, die zur Erkenntnis führt, sollte bei den Lernenden stattfinden. Zuhören ist nicht dieselbe Denkbewegung wie erklären. Der Denkanteil, und damit die eigentliche Lernbewegung, muss bei den Lernenden liegen.
Nicht bei mir.
Natürlich braucht Lernen Struktur und Rahmung. Und ja, einige Inhalte müssen anfangs eingeführt und auch erklärt werden.
Aber vielleicht ist die entscheidende Frage nicht: Wie gut erkläre ich? Sondern: Wie viel Raum gebe ich für eigene Denkbewegungen?
Vielleicht liegt der Perspektivwechsel genau dort.
Wie viel Erklärung ist notwendig? Und ab wann beginnt sie, Erkenntnis zu ersetzen?
