Wo Lernprozesse abbrechen – implizite Voraussetzungen in Schule und Coaching

Ich habe in der letzten Zeit viel darüber nachgedacht, wie Selbstreflexion eigentlich „gelernt“ wird. Warum? Weil ich häufig Abläufe, Beschreibungen und Ergebnisse abgegeben bekomme. Ich lese und merke – da fehlt etwas. Wo ist die Denkbewegung? Wenn ich dann die Rückmeldung gebe, dass mir „Tiefe“ fehlt, weiß der Lernende oft gar nicht, was ich von ihm möchte.

Was ist hier passiert? Wenn ich ehrlich bin, habe ich vorausgesetzt, dass jemand in der Lage ist:

– eigene Denkbewegungen wahrzunehmen
– Gefühle von Gedanken zu unterscheiden
– innere Prozesse in Sprache zu fassen
– und daraus eine Struktur zu bauen

Das ist eine Fähigkeit. Und diese Fähigkeit wird selten explizit unterrichtet. Wir sagen „Reflexion“, als wäre das ein klarer Begriff. Aber was bedeutet das konkret?

Wie merke ich, dass ich gerade denke?
Wie erkenne ich einen inneren Widerstand?
Wie formuliere ich eine Unsicherheit?
Wie beschreibe ich eine Erkenntnis, die noch nicht fertig ist?

Wenn ich das nie gelernt habe, bricht der Lernprozess an genau dieser Stelle ab. Es fehlt schlicht die Sprache dafür. Ohne Sprache gibt es keinen Zugang.

Dasselbe sehe ich im Coaching.

Ein Klient soll „tiefer gehen“ und „in sich hineinspüren“. Er soll benennen, was gerade wirklich los ist. Was aber, wenn genau diese Innenwahrnehmung nie trainiert wurde? Dann wirkt der Impuls gut – aber er bleibt in der Luft hängen.

Der Coach erklärt noch einmal. Fragt anders. Investiert mehr Zeit. Und auf beiden Seiten entsteht leise Frustration. Weil etwas vorausgesetzt wurde, was nicht da ist.

Noch deutlicher wird es beim Thema Vorstellungskraft.

„Stell dir vor …“ ist eine gängige Formulierung in Lern- und Beratungsprozessen. Für viele funktioniert das sofort. Für manche nicht. Aphantasie, also fehlende oder eingeschränkte innere Bildhaftigkeit, ist eine neurologische Realität. Setze ich Bildhaftigkeit voraus, die nicht vorhanden ist, wird meine Aufgabe unzugänglich. Der Lernprozess endet dann genau an dieser Stelle, an einer stillschweigenden Annahme.

Und genau das scheint mir ein verbindendes Muster zwischen Schule und Coaching zu sein.

Wir planen Inhalte, formulieren Ziele und geben Impulse. Aber wir prüfen selten: Welche Fähigkeit setze ich hier gerade voraus?

Seit ich das klarer sehe, frage ich mich bei jeder Planung:
Ist der nächste Schritt wirklich anschlussfähig?
Oder verlasse ich mich auf etwas, das nie bewusst gelernt wurde?

Vielleicht beginnt sorgfältige Lernbegleitung genau dort. Bei den Voraussetzungen.

Dieser Gedanke gilt nicht nur für Schule. Er gilt überall dort, wo Menschen lernen sollen.

Birgit Miehe

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